LQN im Rahmen von LEADER
.... zurückSüdschwarzwaldThemenElzachGlottertalLenzkirchAuftaktAK CO2-red. LenzkirchPressespiegel_LenzkirchUnterkirnach
Schriftgröße :  
A A A

Bürger arbeiten am eigenen Wohl

EU-LEADER-PROJEKT "LEBENSQUALITÄT DURCH NÄHE" (I): Altwerden in vertrauter Umgebung / Auftaktveranstaltung im Kurhaus.

Ein Bericht der Badischen Zeitung vom 24.06.2010
von: Ralf Morys

Lebensqualität durch Nähe Foto: Ralf MOrys

LENZKIRCH. Der Startschuss ist am Dienstagabend gefallen und am Ende soll aus dem knapp 70-köpfigen Starterfeld, das sich im Kurhaus versammelte, eine rührige Bürgerinitiative werden, die in drei Arbeitskreisen auf vielfältige Weise mit ihrer engagierten Arbeit am Erhalt und einer Steigerung der Lebensqualität in Lenzkirch mitwirkt. Das Projekt "Lebensqualität durch Nähe" zielt darauf ab, ganz im Gegensatz zur weit verbreiteten All-inclusiv-Mentalität, die Zukunft der Gemeinde in die Hände ihrer Bürgerinnen und Bürger zu legen.

Der Gemeinderat beschloss vor knapp zwei Jahren, sich an diesem EU-Leader-Projekt zu beteiligen und in diesem Jahr erarbeitete ein Vorbereitungsteam drei Themen: "Altwerden in vertrauter Umgebung"; "CO2 neutrales Lenzkirch" und "Läden erhalten, Leerstand beheben". Projektbetreuer Alexander Hölsch von der Freiburger Firma Spes, Zukunftsmodelle für Menschen und Lebensräume, leistete die Schrittmacherdienst, bis es jetzt an die Öffentlichkeit ging. Zur Vorstellung hatte er sich 100 Besucher erhofft, etwas weniger kamen und füllten den Kursaal dennoch gut, wie Bürgermeister Reinhard Feser bei der Begrüßung fand. Er freute sich, dass die Gäste das Thema Lebensqualität im Ort der Fußball-WM vorzogen.

Lenzkirch beschrieb Projektleiter Alexander Hölsch als eine intakte Gemeinde. Aber es gebe erste Anzeichen dafür, dass einige Aspekte, die die Lebensqualität im Ort ausmachen, allmählich verschwinden. Spes, was lateinisch Hoffnung heißt, versuche nun diese Themen anzugehen, um die Lebensqualität im Ort zu erhalten und das Ganze müsse, um zu funktionieren, zu einem Projekt der Bürger werden. Spes wirkt bei der Bewusstseinsbildung und bei der Integration der Bürger ins Projekt mit, das dann eine Eigendynamik und sich zur Bürgerinitiative entwickeln muss.

Das Thema "Altwerden in vertrauter Umgebung" nahm die meiste Zeit an diesem langen Abend in Anspruch. Den Ruf eines "Kümmerers" hat sich Wendelin Schuler von der Sozialen Beratungsstelle für ältere Menschen im Hochschwarzwald erworben. Er hat zwar bei der Caritas in Titisee-Neustadt ein Büro, ist aber mehr als "mobile Beratungsstelle" in der Region mit seinen 40 000 Menschen unterwegs. Schuler stellte zunächst sein Aufgabenfeld und dann den zu erwartenden demografischen Wandel im Haslach-städtchen vor. Bis 2030 werde Lenzkirch vielleicht 100 Einwohner weniger haben, aber die Zahl der mehr als 80 Jahre alten Menschen werde von jetzt 167 auf dann 250 steigen. Die Zahl der Männer und Frauen, die älter als 60 Jahre sind, wird sogar von jetzt 1300 auf 1550 steigen.

Wendelin Schuler ermutigt zum Aufbau einer Nachbarschaftshilfe

Für die älter werdende Gesellschaft erläuterte Schuler das notwendige Versorgungssystem anhand der einzelnen Kettenglieder wie Ärzte, Krankenpflege, Versorgung, Notruf-System, Essen auf Rädern und Ämter. Eine Grundvoraussetzung für die Versorgung im Alter sei aber, betonte Schuler, die Pflege der wohnortnahen Kontakte, sprich der gute Draht zur Nachbarschaft, der bei der Lösung von Problemen behilflich sein kann. Schuler ermutigte abschießend die Versammelten, eine Nachbarschaftshilfe aufzubauen. Natürlich müsse jeder Mensch im Alter versorgt werden, und wer dies nicht aus seiner Privatschatulle bezahlen kann, für den muss der Staat, sprich die Gemeinde aufkommen. Diese Kosten seien ein Pulverfass für jede Kommune, unterstrich Schuler, den Bedarf an sozialem Bürgerengagement.

Wie solch eine Nachbarschaftshilfe aufgebaut und wie sie auf vielfältige Art hilfreiche Dienste leisten kann, hörten die Besucher auf profundem Munde: Maria Hensler aus Gaienhofen am Bodensee hat dort vor sechs Jahren den Verein "Hilfe von Haus zu Haus" gegründet. Drei Frauen starteten mit Unterstützung der Gemeinde das Abenteuer. Keine hilfreichen Tipps oder Unterstützung kam von den Behörden. Von dort bekamen die Initiatorinnen nur zu hören "so geht’s nicht", den richtigen Weg aufzeigen, konnte aber niemand in den Amtsstuben, blickte Hensler zurück. Doch mit Rückenstärkung von der Landfrauenbewegung, beiden Kirchengemeinden im Ort und der politischen Gemeinde kam man aus den Startlöchern. Die evangelische Gemeinde wird übrigens vom früheren Pfarrer in Lenzkirch, Roland Klaus, verteten, der sich ganz toll einbringe, lobte Hensler.

Anfangs habe der Verein eine Hilfe für ältere, hilfsbedürftige Menschen sein wollen, oder pflegende Angehörige entlasten. Das Tätigkeitsfeld ist aber schnell breiter geworden. So werden Treffs und Fahrten für Senioren organisiert, Informationstage veranstaltet und es gibt ein Angebot für Familien, das von der Kleinkindbetreuung über Tagesmütter bis zum Babysitting reicht. Zusätzlich Aktivitäten haben sich mit Kinderfesten und Mittagessen entwickelt. So sorgt der Verein heute für 500 Essen in der Woche für Kindergarten und Schule. In Kochtopf und Pfanne landen dabei ausschließlich Produkte aus der Region. In der Planungsphase befindet sich noch ein Angebot der Tagesbetreuung für Senioren und ein Mittagstisch für die "reifere Generation", gab Hensler einen Einblick in die vielfältigen Vereinsaktivitäten auf der Höri.

Seine Mitarbeiterinnen schult der Verein in Seminaren, wo sie im Umgang mit älteren Menschen, der häuslichen Pflege aber auch auf die Begleitung Sterbender vorbereitet und geschult werden.

Der gemeinnützige Verein zählt 210 Mitglieder, 66 Helfer und 50 Einsatzstellen und er bietet zwölf 400 Euro-Jobs. Er hat ein festes Büro im Johannishaus in Gaienhofen. Dieses ist Kontaktstelle für Hilfesuchende, Interessenten und Mitglieder sowie Treffpunkt der Helferinnen.

Der Verein Hilfe von Haus zu Haus kann auf eine stark gestiegene Nachfrage seiner Dienste zurückblicken. Im Mai 2003 summierten sich die Einsatzstunden auf 35 – im Mai 2010 waren es 700 Stunden im Monat und er erwirtschaftet einen Überschuss von vier Prozent.

Familie und Beruf unter einem Hut

Der Verein bietet den Helferinnen einen Arbeitsplatz mit flexiblen Arbeitszeiten, kurze Wege zum Arbeitsplatz, qualifiziere die Frauen weiter und schafft eine Verbindung Familien und Beruf unter einen Hut zu bringen. Aus Sicht der Gemeinde hat der Verein den Vorteil, dass er dazu beiträgt, die Lebensqualität im Ort mindestens zu halten, er behält soziale Kompetenz im Ort, integriert Junge und Alte und sorgt dafür, dass eine Wertschöpfung von rund 80000 Euro im Ort bleibt, sprach Hensler die Vorteile an.

Bürgermeister Feser überreichte an die beiden Vortragsredner Schuler und Hensler jeweils ein Glas Lenzkircher Honig und das Milchbuch mit den Worten "etwas Süßes in ansonsten sauren Zeiten."

Als Klaus Staub, Florian Wohllaib, Mathias Brugger und Gastredner Ulrich Spielberger das Thema Energiekonzept vorgestellt hatten und Bürgermeister Feser über Läden und Leerstand (wir berichten noch) sprach, war die letzte Stunde des Tages bereits angebrochen. So gab es keine Themenvorschläge mehr, aber Bürgermeister Feser konnte die ersten Rückmeldebögen zur Mitarbeit bereits entgegennehmen. Am 5. Juli, um 20 Uhr, wieder im Kurhaus, sollen die drei Arbeitskreise ihre Arbeit aufnehmen.


[→ zum Seitenanfang]

(aktuelle Seite: Lenzkirch / Auftakt / )

Seite drucken:  Drucken

Logo Baden-Wuerttemberg
Logo der EU
Europäischer Landwirtschaftsfonds für die
Entwicklung des ländlichen Raums. Hier
investiert Europa in die ländlichen Gebiete